‚Verschwörungstheorien‘: Wie man ihre Plausibilität einschätzen kann

Das erfahren Sie in diesem Artikel:

  • Verschwörungstheorien sind umso unwahrscheinlicher, je weniger plausibel (je „verrückter“) sie intrinsisch sind.
  • Verschwörungstheorien sind umso wahrscheinlicher, je seltener die für sie zitierten Beweise auftreten.
  • Verschwörungstheorien sind umso wahrscheinlicher, je genauer sie zukünftige Beweise vorhersagen.

Ungeduldig? Für eine Kurzanleitung klicken Sie hier.

„Verschwörungstheorie“ war nie ein freundlicher Stempel für eine Ansicht, aber heutzutage ist seine negative Konnotation irgendwo in der Nachbarschaft von „Nazi“ oder „Holocaust-Leugner“ anzusiedeln.

„Verschwörungstheorie“ ist zweifellos zu einem Schlachtruf für die Verunglimpfung unangenehmer Ansichten geworden.

Schlachtruf oder nicht, etwas als „Verschwörungstheorie“ zu bezeichnen, sagt uns nichts über seine Wahrheit oder Falschheit aus. Zweifellos sollte man „die Fakten prüfen“, wie es insbesondere deutschsprachige Medien in diversen Sendungen behaupten? Das übersteigt vermutlich die zeitlichen Möglichkeiten der meisten Normalbürger. Und angesichts des Dschungels an sich widersprechenden Expertenmeinungen fühlt es sich irgendwie nach Überforderung an.

Zumindest so lange, wie man keine Hilfe bekommt. Und Hilfe ist das, was ich hier anbieten möchte. Ich möchte den Lesern einen Leitfaden an die Hand geben, um grob abzuschätzen, wie plausibel eine Theorie ist. Dieser Leitfaden ist das sogenannte Bayes-Theorem. Keine Sorge, das Schlimmste daran ist die Symbolik (auf die ich aus praktischen Gründen bestehe); die Mathematik dahinter ist einfach und sogar für einen Sechstklässler zugänglich.

Bereit?

Hier ist es:

Das Bayes-Theorem erklärt

P (t/e&k) ist das, was uns interessiert: nämlich die Wahrscheinlichkeit, dass die fragliche (Verschwörungs-)Theorie t wahr ist. Technischer ausgedrückt, ist es die Wahrscheinlichkeit, dass eine Theorie wahr ist, wenn man Indizien e und Hintergrundwissen k hat. Erlauben Sie mir, die Aufmerksamkeit auf drei wichtige Punkte zu lenken:

  • Das Bayes-Theorem arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten. Es gibt keinen „strengen Beweis“ oder „absolute Gewissheit“, wenn es um Theorien über menschliche Handlungen geht (was auf Verschwörungstheorien ja zutrifft).
  • Die Anwendung des Bayes-Theorems auf eine bestimmte Theorie setzt die Existenz von Indizien voraus. Wenn der Verschwörungstheoretiker keine Indizien für seine Theorie liefert, ist keine Verifizierung oder Falsifizierung möglich. Theorien, für die keine Beweise vorgelegt werden, sollten nicht weiter betrachtet werden.
  • Man könnte im Prinzip nummerische Werte (zwischen 0 und 1) für die Wahrscheinlichkeiten eintragen und den Bruch berechnen. In unserem gegenwärtigen Kontext macht die Zuweisung von Zahlen jedoch keinen Sinn. Wir werden uns mit groben Schätzungen begnügen, ob eine Wahrscheinlichkeit eher hoch (>> 0,5) oder eher niedrig (<< 0,5) ist.
  • Das Bayes-Theorem ist ein gut bestätigtes mathematisches Mittel, um die Tragfähigkeit einer Theorie zu beurteilen. Ich werde dies nicht weiter begründen. Interessierte Leser sollten sich auf Epistemic Justification von Richard Swinburne (Oxford University Press 2003), Kap. 3 und 4, beziehen.

Nun, was bedeuten die anderen Begriffe?

P (e/t&k) ist die Wahrscheinlichkeit der Indizien e bei gegebenem t und Hintergrundwissen k. Mit anderen Worten, wenn t wahr wäre, in welchem Umfang würden wir erwarten, dass e eintritt? Oder, in welchem Ausmaß sagt t e voraus?

Beispiel 1: Jones wird verdächtigt, den Tresor seiner Firma ausgeraubt zu haben (t), z.B. weil Geld fehlte und er eine von wenigen Personen ist, die Zugang zum Tresor haben. Würden nun seine Fingerabdrücke auf dem Tresor (e) gefunden, wäre dies in voller Übereinstimmung mit t. Das Indiz e „Fingerabdruck“ ist aufgrund von t zu erwarten. Hintergrundwissen besteht hier z.B. in der Erkenntnis, dass das Auffinden eines Fingerabdrucks auf einem Gegenstand bedeutet, dass die Person, die diesen Fingerabdruck trägt, diesen Gegenstand berührt hat, und dass Fingerabdrücke einzigartig sind.

Beispiel 2: Die Theorie sei, dass eine bestimmte Regierung bewusst darauf verzichtet, ihre Bürger zu schützen, z.B. indem sie bei Grenzkontrollen notorisch nachlässig ist. Unter dieser Annahme ist eine plötzliche hermetische Schließung der Grenzen ein Beweisstück, das nicht mit t übereinstimmt, weil t es nicht vorhersagt. P (e/t&k) wird in diesem Fall niedrig sein.

P (t&k) ist die Wahrscheinlichkeit von t bei gegebenem Hintergrundwissen bzw. die intrinsische Wahrscheinlichkeit von t. Mit anderen Worten: Wie plausibel ist t unabhängig von den Indizien? Oder, um es umgangssprachlicher auszudrücken, wie „verrückt“ bzw. „vernünftig“ klingt eine Theorie, unabhängig von Indizien?

Beispiel 1: Es gibt Behauptungen, dass Viren nicht existierten, sondern in Wirklichkeit nur Erfindungen der Pharmaindustrie seien, um ihr Geschäft anzukurbeln. Die intrinsische Wahrscheinlichkeit dieser These ist gering. Das liegt vor allem daran, dass die intrinsische Wahrscheinlichkeit der Negation („Viren existieren“) hoch ist. Nukleinsäuren in einer Proteinhülle, die sich des Fortpflanzungsapparates von Wirtszellen bedienen, sind biologisch gesehen nichts Ungewöhnliches. Viren teilen die Nukleinsäure- und Proteinsprache mit eukaryotischen und bakteriellen Zellen, Parasiten sind ein bekanntes Phänomen in der Biologie, und wir haben elektronenmikroskopische Bilder von Viren. Außerdem müsste die Pharma-Lobby über die Maßen mächtig sein, um alle kritischen Stimmen unter den Virologen zu unterdrücken, falls Viren wirklich nicht existieren sollten.

Beispiel 2: Eine weitere Spekulation ist, dass die Chinesen das Virus absichtlich in Europa und Amerika verbreitet haben, um die europäische und die US-amerikanische Wirtschaft zu stürzen. Die intrinsische Wahrscheinlichkeit dieser Behauptung ist relativ hoch, wenn man bedenkt (Hintergrundwissen!), dass sich die Chinesen und die USA seit einiger Zeit in einer Art Wirtschaftskrieg befinden.

P (e&k) ist die Wahrscheinlichkeit von e vor gegebenem Hintergrundwissen. Wie wahrscheinlich ist e an sich, angesichts dessen, was wir über die Welt wissen? Ist e eine seltene oder eine häufige Sache? (Beachten Sie, dass die Wahrscheinlichkeit der fraglichen Theorie umso geringer ist, je höher diese Wahrscheinlichkeit wird, da sehr häufige Ereignisse eine Theorie über ungewöhnliche menschliche Aktivitäten nicht stützen).

Beispiel 1: Ein Politiker, der dafür bekannt ist, für eine Impfpflicht einzutreten, spricht plötzlich in der Öffentlichkeit über die Gefahren von Impfungen (e). Das Auftreten dieses Beweisstücks ist angesichts unseres Hintergrundwissens höchst unwahrscheinlich: Diese Person hat lange Zeit die gegenteilige Ansicht vertreten; und die menschliche Psychologie lehrt uns, dass es oft schwierig ist, tief verwurzelte Überzeugungen zu ändern, und noch schwieriger, sie öffentlich zu vertreten, insbesondere wenn man Konsequenzen befürchten muss.

Beispiel 2: Ein Anstieg der Übersterblichkeit während der Wintermonate (e) ist angesichts unseres Hintergrundwissens über menschliche Physiologie, Jahreszeiten und Statistiken nichts Ungewöhnliches. P (e&k) ist entsprechend hoch.

Lassen Sie uns rekapitulieren.

Je höher die beiden Wahrscheinlichkeiten im Zähler sind, desto höher ist die Gesamtwahrscheinlichkeit der fraglichen Theorie. Der Term im Nenner „gleicht“ jedoch die Terme im Zähler „aus“: Wenn einige zugunsten einer Theorie angeführte Beweise sehr häufig sind (d.h. P (e&k) ist hoch), schwächt dies die Theorie.

Was bei der Verwendung des Bayes-Theorems zu beachten ist

Für die Anwendung des Theorems auf tatsächliche Verschwörungstheorien sollten einige Punkte beachtet werden.

Korona-Verschwörungstheorien sind da um zu erklären, nicht vorherzusagen

In der gegenwärtigen Situation sind Theorien meist darauf ausgelegt, bereits vorhandene Indizien zu erklären. Es ist im Allgemeinen nicht so, dass wir eine Theorie haben, und erst später ein Beweisstück auftaucht, das von der Theorie vorhergesagt wird (oder eben nicht). Daher wird P (e/h) im Allgemeinen hoch sein, da Corona-Verschwörungstheorien in der Regel nach dem Auftreten der Beweise konstruiert werden. Zum Beispiel unterstützt das Indiz, dass Bill Gates kürzlich die deutsche Regierung (die Impfstoffe als oberste Priorität hat) lobte, sicherlich die Theorie, dass die deutsche Regierung eine „Corona-Panik“ unter den Menschen ausgelöst hat, um den Weg für Impfstoffe zu ebnen, die indirekt von Gates finanziert wurden. Aber diese Theorie wurde nach dem Auftreten der Beweise konstruiert und konnte sie daher nicht vorhersagen. Und ähnlich verhält es sich mit anderen Theorien, die während der Corona-Situation aufkamen. P (e/h) ist daher kein gutes Selektionsmittel für Corona-Verschwörungstheorien.

Beurteilen Sie zuerst den ‚Verrücktheits-Faktor‘

Es ist sicherlich eine gute Idee, mit P (t&k) zu beginnen. Wenn die Theorie „zu verrückt“ klingt, ist es vernünftig, sie beiseite zu legen, zumindest solange keine starken Beweise für sie vorgelegt werden. Schließlich kann mathematisch gesehen die Wahrscheinlichkeit von t nicht hoch sein, wenn die intrinsische Wahrscheinlichkeit von t gering ist, selbst wenn P(e/t&k) hoch ist (was, wie oben erwähnt, im vorliegenden Kontext nicht überraschend ist). Umgekehrt verleiht eine hohe Vorwahrscheinlichkeit einer Theorie eine gewisse Glaubwürdigkeit.

Sind die Indizien häufig oder selten?

Der zweite wichtige Faktor ist die Vorwahrscheinlichkeit von e (P(e&k)). Ist e ein sehr häufiges Phänomen oder etwas Seltenes? Um dies beurteilen zu können, muss man möglicherweise gegenwärtige Daten mit früheren vergleichen, denn einige Phänomene sind so weit von unseren täglichen Erfahrungen entfernt, dass unser persönlicher Eindruck ein unzuverlässiger Anhaltspunkt sein kann. Zum Beispiel sind wir möglicherweise nicht ausreichend darüber informiert, wie Politiker in Krisen gewöhnlich handeln oder handelten, und wir sind möglicherweise nicht mit Todesfallstatistiken und Virologie vertraut.

Vielleicht werden hier die entscheidenden epistemischen Fehler begangen. Zugleich scheint diese frühere Wahrscheinlichkeit ein fruchtbares Ziel für vermeintliche Propaganda zu sein.

Zum Beispiel ist es sicher eine einschneidende Erfahrung, wenn ein Corona-positives, 83-jähriges Familienmitglied mit mehreren Vorerkrankungen an einer Lungenentzündung stirbt. Aber es ist kein guter Beweis für die Theorie, dass SARS-CoV-2 ein hochgefährliches Virus ist, denn unser Hintergrundwissen sagt uns, dass alte und schwache Menschen anfällig dafür sind, an einer Reihe von Krankheitserregern schwer zu erkranken oder zu sterben, auch an solchen, die der überwiegenden Mehrheit der Menschen keinen Schaden zufügen.

Umgekehrt erwecken Medienbilder von Sargreihen in Italien den Eindruck, dass COVID-19 eine aussergewöhnliche Pandemie ist, aber die Untersuchung der Mortalitätsraten kann zeigen, dass die übermässige Sterblichkeit nicht höher als üblich ist; oder, selbst wenn die übermässige Sterblichkeit erhöht ist, kann die Untersuchung weiterer Faktoren zeigen, dass die Todesfälle nicht allein auf das Coronavirus zurückzuführen sind.

Wie kann P (e&k) niedrig sein? Einige Szenarien:

  • Die Übersterblichkeit in einem Land könnte deutlich höher sein, als sie in den meisten der letzten Jahrzehnte war. Zum Beispiel könnte die gegenwärtige Übersterblichkeit zuletzt erreicht worden sein, als eine riesige Naturkatastrophe Tausende von Menschenleben forderte. Hätte dagegen die Übersterblichkeit in 10 der letzten 20 Jahre auf dem aktuellen Niveau gelegen, wäre P (e&k) relativ hoch, da es sich um ein recht häufiges Phänomen handelt.
  • Sehr viele Menschen zeigen schwere (und ähnliche) Symptome oder sterben, auch junge und gesunde Menschen. Dies geschieht sicherlich nicht häufig, zumindest nicht in westlichen Ländern. P (e) ist entsprechend niedrig. Eine solches Indiz rechtfertigt die Suche nach einer Erklärung, vielleicht im Sinne einer Verschwörungstheorie.

Eine kurze Gebrauchsanweisung zum Bayes-Theorem

Wie sollte man also vorgehen, um die Tragfähigkeit einer Verschwörungstheorie einzuschätzen? Hier ist eine ‚Bayes-Theorem-Schnellanleitung‘:

  • Prüfen Sie zunächst, ob die Theorie durch Beweise untermauert ist. Wenn nicht, vergessen Sie sie.
  • Zweitens, überprüfen Sie die intrinsische Wahrscheinlichkeit der Theorie, d.h. ob sie „verrückt“ oder „vernünftig“ klingt. Dafür sollten Sie normalerweise keine Hintergrundrecherche durchführen müssen. ‚Verrückte‘ Theorien sollten mit besonderer Vorsicht behandelt werden.
  • Schätzen Sie drittens die Auftrittswahrscheinlichkeit der Indizien ein, d.h. wie selten oder häufig sie vorkommen. Möglicherweise müssen Sie dazu einige Nachforschungen anstellen. Denken Sie daran, dass eine Verschwörungstheorie, die sich auf diese Indizien stützt, umso weniger plausibel ist, je häufig die Indizien sind.

Sie könnten sich jetzt darüber beschweren, dass ich mein Versprechen gebrochen habe: Schließlich erfordert eine Beurteilung insbesondere von P (e&k) einiges an spezifischem Hintergrundwissen oder Recherche. Zugegeben – aber das sollte nicht für alle Theorien gelten, und überhaupt, warum nicht auch etwas Neues lernen?

Und selbst wenn Sie nicht selbst recherchieren wollen, hoffe ich, Sie davon überzeugt zu haben, dass es vernünftiger ist, den Schlachtruf „Verschwörungstheorie!“ auf ein „Das klingt seltsam, aber ich setze die Beurteilung aus, bevor ich die Fakten geprüft habe“ abzuschwächen.

Photo by Tom Radetzki on Unsplash

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